Okay, tauchen wir in das moderne Dschungelbuch von KI, Google & Co. ein, wenn es um die fabelhaften „Best Ager“ geht! Diese sind laut Sozialen Medien die Stars der Generation Ü40/50 – voller Lebenslust, konsumfreudig und finanziell stabil. Mit einem gut gefüllten Bankkonto und einem Funkeln in den Augen gehen sie durchs Leben, als hätten sie den Jackpot geknackt. Ist dem wirklich so? Beginnt die beste Lebensphase jenseits 40/50+? Let’s check it out!
Marketingexperten haben die „Best Ager“ fest im Visier. Dieser Begriff beschreibt Menschen über 50, die aktiv, jung geblieben und finanziell abgesichert sind. Sie werden als anspruchsvolle Konsumenten gesehen, die durch ihre stabile finanzielle Lage und ihr ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein perfekte Zielkunden darstellen. Die Marketingstrategen segmentieren die Altersgruppen in „Youngster“, „Mid Ager“, „Best Ager“ und „Senior“. Diese Einteilung hilft, massgeschneiderte Produkte zu entwickeln und gezielt zu bewerben – obwohl wir diese Produkte oft gar nicht brauchen, die Werbung uns jedoch geschickt überzeugt.
Lebensphasen und psychosoziale Entwicklung, was steckt dahinter?
Psychoanalytiker Erik H. Erikson und sein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung:
Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson sieht 8 Stadien der Entwicklung vor. Er beschreibt darin, dass der Mensch sich im Spannungsfeld zwischen den individuellen Bedürfnissen und Wünschen des Kindes und den ständig wechselnden Anforderungen seiner sozialen
Umgebung bewegt. Jede Stufe ist durch eine zentrale psychosoziale Herausforderung gekennzeichnet, er spricht von sogenannten «Konflikten», deren Bewältigung zu einem gesunden Persönlichkeitswachstum beiträgt:
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- Vertrauen vs. Misstrauen (0-1 Jahr): Aufbau von Vertrauen bei angemessener Fürsorge.
- Autonomie vs. Scham und Zweifel (1-3 Jahre): Entwicklung von Selbstständigkeit und Selbstkontrolle.
- Initiative vs. Schuldgefühl (3-6 Jahre): Förderung von Eigeninitiative und Entscheidungskompetenz.
- Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (6-12 Jahre): Entwicklung von Leistungsfähigkeit und Kompetenz.
- Identität vs. Rollenkonfusion (12-18 Jahre): Formung einer stabilen Identität.
- Intimität vs. Isolation (frühes Erwachsenenalter): Aufbau enger und liebevoller Beziehungen.
- Generativität vs. Stagnation (mittleres Erwachsenenalter): Engagement für zukünftige Generationen.
- Integrität vs. Verzweiflung (höheres Erwachsenenalter): Rückblick auf das Leben und Akzeptanz des eigenen Lebenslaufs
Gemäss Erik H. Erikson ist die Stufenfolge unumkehrbar. Die vorangegangenen Phasen legen das Fundament für die folgenden Entwicklungsstufen. Erfahrungen aus früheren Phasen helfen, die Herausforderungen im späteren Leben zu bewältigen. Spannenderweise wird dabei ein Konflikt nie vollständig gelöst, sondern bleibt ein Leben lang relevant und war bereits vor dem jeweiligen Stadium als Problematik vorhanden. Was ist also für eine gesunde Entwicklung relevant? Dass ein Konflikt auf einer bestimmten Stufe ausreichend bearbeitet wird, um die nächste Stufe erfolgreich meistern zu können…
Die 7 Jahresschritte nach Bernard Lievegoed
Um was geht es hier? Lievegoed sieht in den verschiedenen Lebensphasen eine natürliche Abfolge von Entwicklungsschritten des Menschen zu seiner
Selbstverwirklichung als Individuum: Der Mensch ist ständig in seiner
Selbständigkeit und Selbstkontrolle gefordert. Auch hier baut jede Phase auf den Erfahrungen, der vorherigen auf und ist entscheiden für die persönliche Reifung und Entfaltung. Die 8 Stufen gemäss Erik H. Erikson kommen jedoch hier in sämtlichen Lebensphasen zum Tragen.
Jugendjahre: Entdeckung und Wachstum
In den frühen Jahren, oft als die Jugendjahre bezeichnet, dreht sich alles um
Entdeckung und Wachstum. Diese Phase ist geprägt von intensiver Energie, Neugier und dem Wunsch, die Welt zu erforschen. Freundschaften, erste Liebe und die Ausbildung formen das Fundament für die Zukunft. Diese Zeit ist oft von einem Gefühl der Unbesiegbarkeit und endlosen Möglichkeiten geprägt.
20er und 30er: Aufbau und Abenteuer
Die 20er und 30er Jahre sind Zeiten des Aufbaus und der Abenteuer. Beruflicher Einstieg, Karriereplanung und die Gründung einer eigenen Familie stehen im Mittelpunkt. Diese Phase kann aufregend sein, da sie viele erste große Erfolge und Herausforderungen mit sich bringt. Es ist eine Zeit des Ausprobierens und des intensiven Lernens, sowohl beruflich als auch persönlich.
40er und 50er: Konsolidierung und Reflexion
In den 40er und 50er Jahren beginnt oft eine Phase der Konsolidierung und Reflexion. Menschen haben in der Regel ihre beruflichen Ziele klarer definiert und erreichen oft eine stabile finanzielle Basis. Dies ist auch eine Zeit, in der viele Menschen ihre Prioritäten überdenken und einen tieferen Sinn im Leben suchen. Die sogenannte Midlife-Krise kann eine Phase der Neuorientierung sein, die neue Möglichkeiten und Perspektiven eröffnet.
60er und darüber hinaus: Weisheit und Gelassenheit
Die 60er Jahre und darüber hinaus bringen eine Phase der Weisheit und Gelassenheit. Viele Menschen gehen in den Ruhestand und haben die Möglichkeit, sich auf ihre Hobbys, Reisen und das Zusammensein mit der Familie zu konzentrieren. Diese Zeit bietet die Gelegenheit, auf das Leben zurückzublicken und die Früchte der harten Arbeit zu genießen. Die Lebenserfahrung und Weisheit, die in diesen Jahren gewonnen werden, sind von unschätzbarem Wert.
Wann ist also die beste Lebensphase?
Die beste Zeit des Lebens zu definieren, ist eine komplexe und individuelle Angelegenheit, die stark von persönlichen Erfahrungen, Werten und Lebensumständen abhängt. Jede Lebensphase hat ihre eigenen besonderen Höhepunkte und Herausforderungen, die sie einzigartig und wertvoll machen. Was bleibt also?
Der nostalgische Blick und/oder lieber die Reflexion?
Vor dem Hintergrund der Lebensphasen nach Lievegoed lohnt es sich immer wieder zu fragen:
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- Wofür bin ich aktuell dankbar?
- Was sind die Schönen Momente in meinem Leben?
- Was habe ich schon erreicht? Was noch nicht?
- Worin bin ich gut? Worin nicht?
- Was macht es aus, dass ich in diesem Umfeld arbeite?
- Was macht es aus, dass ich in diesem Land lebe?
- Wie beurteile ich die aktuelle Situation?
- Was kann ich weglassen?
- Was möchte ich noch zulassen?
- Was bin ich bereit FINAL loszulassen?
- Welche Schichten meiner Persönlichkeit habe ich noch nicht gelebt?
Diese Fragen helfen, sich selbst besser zu verstehen und die eigenen Ressourcen zu erkennen. Jede Lebensphase, auch wenn sie manchmal in Lebenskrisen mündet, bietet Chancen zur Weiterentwicklung. Die Rückführung zur inneren Lebenskraft und das Ableiten der nächsten Schritte aus dieser Kraft sind essenziell.
Das Fazit
Der ewige Vergleich, Vorbilder und all diese «Parameter». Ab welcher Lebensphase spielen sie keine Rolle mehr? Ab wann bin ich gut genug, genau so wie ich bin? Schon klar, in jedem therapeutischen, psychologischen oder sozialpädagogischen Kontext heisst es immer «Du bist gut, genauso, wie du bist». Und was ist mit den sozialen Medien? Hier will ich schon gar nicht erst beginnen…
Gut genug zu sein bedeutet nicht, alle Erwartungen perfekt zu erfüllen. Es bedeutet, sich selbst zu akzeptieren, mit allen Stärken und Schwächen. Psychologen betonen die Bedeutung der Selbstakzeptanz und des Selbstwertgefühls. Ein gesundes Selbstwertgefühl entsteht nicht durch das ständige Streben nach Perfektion, sondern durch die Anerkennung des eigenen Wertes, unabhängig von äußeren Erfolgen. Die Reise zu dieser Erkenntnis ist oft lang und herausfordernd. Es erfordert, dass wir uns mit unseren innersten Gefühlen auseinandersetzen und die Stimmen der Selbstkritik hinterfragen. Sind die Erwartungen, die wir an uns selbst stellen, wirklich unsere eigenen, oder spiegeln sie die unerreichbaren Ideale anderer wider?
Ab wann ist es gut? Ich persönlich glaube, viele Best Ager sind im Bewusstsein
angekommen, was sie alles im Leben gemeistert haben. Und ein für mich persönlich matchentscheidender Gamechanger ist der Faktor ZEIT – Der Faktor Zeit, sei’s zurück, wie auch in die Zukunft erhält eine ganz andere Wertstellung. Durch den Filter der Zeit, erhält vieles einen neuen Wert und erscheint uns in einem anderen Licht. Krisen, vermeintlich verpasste Chancen, falsche Entscheidungen erhalten unter dem Faktor Zeit einen neuen Stellenwert im Leben. Auch die Zukunft und vor allem die Zeit, welche noch bleibt, ergreifen nachhaltiger und viel intensiver unser Bewusstsein. Die eigene Endlichkeit, welche seit Geburt in unserem Lebensbuch geschrieben steht, entfaltet «plötzlich» ihre eigene bestimmende und tragende Schwingung. Die zentrale Frage, «Wer bin ich und wozu bin ich hier», fängt unabhängig der religiösen Einstellung ganz sanft und nachhaltig eine zentrale
vielleicht sogar philosophische Nuance unserem Leben beizusteuern…
Zu wissen, vorausgesetzt wir sind gesund, es ist noch so viel im Leben möglich, aber nicht zu müssen, dass 2/3 des Lebens gelebt ist, lässt ein ganz anderes «Lustgefühl» am Leben entstehen und der eigene Wert als Mensch erhält einen völlig neuen Platz im eigenen Bewusstsein. Zu erkennen, worin liegt mein Selbstwert, worin liegt meine Liebe zu mir selbst, sind zentrale Momente in dieser Lebensphase und entfalte eine ganz neue Form der Lebenskraft!