„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ – Ist die Selbstliebe der Schlüssel zur wahren Liebe?

Schon einmal gehört, „Wenn du dich selbst nicht liebst, dann kannst du auch keinen anderen Menschen richtig lieben“. Klingt doch logisch? Klingt einfach? Liegt der Schüssel zur Liebesfähigkeit wahrhaftig einzig und allein in der Selbstliebe?

Selbstliebe und Psychologie

Manche Menschen lieben sich selbst auf natürliche Weise, während andere ständig mit sich hadern. Ein wesentlicher Grund dafür liegt laut der Psychologie in der Wertschätzung durch die Eltern, dies vor allem in den ersten sechs Lebensjahren. Damit wir lernen, uns selbst mit allen Facetten unserer Persönlichkeit anzunehmen und zu lieben, müssen unsere Eltern uns zeigen, dass wir als Person genau richtig sind – auch wenn wir als Kinder Fehler machen. Fehler machen zu dürfen, hilft uns zu lernen und unsere Persönlichkeit zu schärfen.

Begegnen Eltern ihren Kindern mit einer grossen Portion Offenheit und liebevollem Interesse und verhaften nicht in starren Vorstellungen wie ihr Kind sein sollte, ist Raum für Entdecken, Raum für Entfaltung wie auch Raum für eine sogenannte Fehlerkultur im Sinne von «Try and Error» erst möglich. Elternliebe wird oft an gefälliges Verhalten geknüpft, wie zum Beispiel durch die Aussage wie «Wenn du heute brav bist und niemanden störst, dann habe ich dich lieb.» «Oder wenn du mir hierbei hilfst bist du ein liebes Kind». Auch hierbei gilt der Ansatz einmal geäussert kann sich beim Kind einprägen, wie auch die ständige Wiederholung solcher Sätze, wo Liebe an Bedingungen geknüpft ist. So manche – durchaus auch unbedachte – Äußerung in unserer Kindheit kann sich wie eine Art Glaubenssatz einprägen. Mangelnde Selbstliebe bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Kindheit schrecklich war. Auch schmerzhafte Erfahrungen wie Trennungen oder Mobbing können dazu führen, dass Menschen Schwierigkeiten haben, sich selbst zu akzeptieren.

Viele Psychologen argumentieren, dass Selbstliebe eine grundlegende Voraussetzung dafür ist, andere Menschen lieben zu können. Dies wurde eindrucksvoll von Erich Fromm, einem der führenden Sozialpsychologen des 20. Jahrhunderts, beschrieben. Schon in der Bibel findet sich diese Erkenntnis, als es heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das bedeutet, dass nur diejenigen, die sich selbst gut behandeln, nur andere Menschen gut behandeln können…

Ist Selbstliebe = Selbstverliebtheit?

Ich liebe mich selbst, ergo bin ich in mich verliebt? Selbstverliebtheit ist ein Gefühl, welches in übersteigerter Form Anteile von starkem Egoismus oder sogar Narzissmus in sich trägt und letztlich, als eine psychische Störung taxiert wird. Bei Selbstverliebtheit finden die Worte Verzeihen, Toleranz und das Annehmen von eigenen Schwächen und Fehlern kaum bis keinen Platz. Selbstliebe hingegen ist von jenen Gefühlen geprägt. Selbstliebe bedeutet, sich selbst als richtig und in sich selbst zuhause zu fühlen, sich so anzunehmen, wie man ist, und die eigene Person wertzuschätzen. Diese bewusste Zuwendung zu sich selbst, diese daraus entstehende innere Zufriedenheit bringt zahlreiche positive Effekte mit sich, die nicht nur das eigene Wohlbefinden, sondern auch das Umfeld positiv beeinflussen. Diese Selbstliebe zeigt sich ganz klar im Umgang mit Beziehungen und damit sind liebvolle Beziehungen auf Augenhöhe gemeint. Es entstehen keine emotionalen Abhängigkeiten, Eifersuchtsdramaturgien oder die Unfähigkeit jemandem sagen zu können, dass man ihn liebt.

Kennst du die fünf Säulen der Selbstliebe?

Die Säule der Selbstannahme:

Auf den Punkt gebracht bedeutet sich aller „Plus und Minus“ der eigenen Persönlichkeit bewusst zu sein mit dem salopp gesagten „Grundmove hey ich bin ok“ durchs Leben zu gehen.

Die Säule des Selbstgespürs:

Im Sinne von einem Gespür für sich selbst und seine Bedürfnisse zu entwickeln und sich immer wieder bewusst zu werden, welcher Anteil in mir macht mir Mühe, lehne ich ab oder kann ich zum Teil nicht annehmen.

Die Säule des Selbstgesprächs:

Hier habe ich die Möglichkeit mich täglich selbst zu beeinflussen, meine alten Gewohnheiten nachhaltig zu durchbrechen und meine eigenen Gedankenmuster umzuformen und neue anzutrainieren.

Die Säule des Selbstgefühls / der Selbstwahrnehmung:

Ja mich selbst zu fühlen, sich meiner eigenen Gefühle bewusst zu werden, diese zuzulassen, anzunehmen, zu erkennen und auch benennen zu können. In welchem Zustand bin ich aktuell in meinem Leben unterwegs, physisch wie auch psychisch, dies auch immer wieder zu reflektieren und daraus die nächsten Schritte der Selbstliebe ableiten zu können.

Die Säule der Selbstverbindung:

Das Streben nach Verbindung ist ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis. Diese innere Sehnsucht kann sich als Traurigkeit, Melancholie, innere Unruhe und Suche manifestieren. Um dieses Gefühl der Leere zu erfüllen, suchen wir häufig die Verbindung zu unserer Umwelt, streben danach, andere zu finden und Anerkennung sowie Wertschätzung zu erfahren. Durch unser Aussehen, unser Verhalten, unser berufliches Engagement oder unsere Lebensweise versuchen wir, diese Verbindung herzustellen und werden möglicherweise zu Menschen, die es allen recht machen wollen. Trotz dieser Absicht bleibt oft ein Glaube der Unvollständigkeit. Die tiefe Sehnsucht nach innerer Verbundenheit kann durch äußere Faktoren nicht gestillt werden. Diese innere Leere kann nur von uns selbst gefüllt werden. Verbindung bedeutet Verständnis, Hingabe, Sicherheit, Zugehörigkeit und Liebe. Wenn wir diese Verbindung spüren, fühlen wir uns nicht allein oder getrennt von anderen oder von uns selbst. Im Kern ist es der Wunsch, unser ursprüngliches Sein wieder zu erfahren, da wir von der Natur aus mit allem um uns herum verbunden sind und eine Einheit bilden. In der reinen Essenz geht es um die Verbundenheit in uns selbst, „das Gefühl in mir zuhause zu sein“ darin gründet unser Urvertrauen in unsere eigene Kraft. Unser Leben ist ein Kommen und Gehen, Veränderung unser ständiger Begleiter, die tiefe innere Verbindung zu uns Selbst jedoch bleibt bis zum letzten Atemzug!

Schlüsselmomente meiner Praxiserfahrung

Sich selbst in ALLEN Facetten der eigenen Persönlichkeit DAUERND lieben zu können baut Druck auf. Warum? Sind wir einmal ehrlich, gibt es irgendwo auf der Welt einen Menschen, der keine Makel oder Marotten hat, der über keine nervigen Eigenschaften verfügt? Wohl kaum.

Ich sehe die Relevanz einmal mehr in der Bewusstseinsschaffung: Sprich zu erkennen, hey welche der eigenen Eigenschaften/Muster/Gewohnheiten/Anteil an mir triggern mich dauernd und nerven mich. Diese Erkenntnis anzunehmen, nicht zu akzeptieren. Akzeptieren bedeutet, ich bin irgendwo noch im „Kintsch“ respektive im Kampf mit einem Anteil meiner Persönlichkeit. Wenn ich jedoch annehmen kann, dann lasse ich zu und der Druck, den ich mir selbst mache, wird kleiner. Gehe ich noch in die Haltung rein, dass diese ungeliebte Eigenschaft einfach nur ein Teil meiner Persönlichkeit ist und mich nicht komplett ausmacht, dann kann das Loslassen beginnen und der innere Druck wird erneut kleiner. Dies alles als Prozess und Teil des Lebens zu sehen, auf der persönlichen Zeitachse schafft eine neue Relation zum eigenen Muster, verändert die eigene Perspektive und lässt Raum für neue Lösungsansätze zu. Durch die Zeitachse des eigenen Lebens wird einem auch immer wieder bewusst, dass auch die Intensität der Selbstliebe gewissen Rhythmen unterliegt und gewisse Gefühle in Bezug zu sich selbst und die damit verbundenen Muster wie Ebbe und Flut immer wieder einmal kommen und gehen und wir mit der Zeit immer regulativer auf uns selbst einwirken können. Dankbarkeit ist ein Zauberwort auf dem Wege zur Selbstliebe und hilft die eigenen Gedankenmuster und geistigen Einstellungen achtsam und liebevoll auf sich selbst zu lenken.

Oder wie Buddha zu sagen pflegte: „Du selbst, genauso wie jeder andere im ganzen Universum, verdienst deine Liebe und Zuneigung“.